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Traurig, traurig, traurig, würde Theo Lingen quaken, denke er nach über das Bildungssystem der 80er und 90er (Die heutige kann ich noch nicht beurteilen, der Verfasser). Traurig ist es, dass viele der wichtigsten Dinge im Leben eben nicht in der Schule gelehrt wurden. Man brauchte seine Eltern, um zu respektvollen und starken Menschen zu reifen. Wenn das deine Eltern nicht leisten konnten oder wollten – Pech gehabt. Dann musstest du armer Willi eben einen viel größeren Ballast schultern, eine viel größere Aufgabe bewältigen als andere. Die Dunkelziffer der Gescheiterten kann man nur erahnen.

Glücklicherweise war mein Vater (und auch meine Mutter, doch das ist ein anderer Geburtstag) ein echter Dad. In der Retrospektive zu seinem 70. Geburtstag realisierte ich daher nun klarer als je zuvor, dass vor allem er es war, der mir einige der wichtigsten Lehren mit auf den Weg gab. Lehren, die mich noch in meinen 40ern begleiten und maßgeblich beeinflussen. Vor allem, weil er seine Lehren auch immer mit Taten unterfütterte. Fünf davon habe ich nun einmal aufgeschrieben. Don’t talk the talk, if you can’t walk the walk.

Helfe den Schwachen

Mein Vater trainierte  Jugendfußballteams, seit ich „Fu ruft Uta“ schreiben konnte. Alle, die im Kinder-spielen-Vereinsfußball-Bereich tätig sind, wissen: Der schlimmste Feind des Trainers (und des Kindes) sind die Eltern. Wenn das eigene Kind verliert oder nicht genug spielt, lässt man Manieren oder Respekt gerne zu Hause im Keller. Direkt neben dem Humor. Auch Anfang der 80er war dies an der Tagesordnung.78

Grundsätzlich spielten wir bereits in der F-Jugend Elf gegen Elf auf Großfeld (dass dies nicht wirklich klug oder gut für die Entwicklung war, konnte man vor allem zwischen 1998 und 2004 beim taktisch-technischen Rumpelfußball bei EM und WM hervorragend beobachten). Von diesen elf Kiddies konzentrierten sich ob weniger Ballkontakte nicht immer alle auf das Spiel selbst. Manche pflückten verträumt Gänseblümchen, andere konnten den Ball nicht mal einen Meter weit schießen und wieder andere rannten grundsätzlich in die falsche Richtung (wen das an seinen Job erinnert, nun ja…). Natürlich gab es auch andere, die für Tore oder gelungene Zweikämpfe sorgten. Sie trugen das Team auf ihren schmalen Schultern – und es war okay für sie. Es war sogar okay, wenn die Könner nicht jedes Spiel spielten, obwohl sie besser waren. Wir sind ein Team, ne? Elf Freunde müsst ihr sein und so.

Einige Elternteile sahen dies jedoch anders, meckerten und schüttete Gift und Galle über die weniger talentierten Spieler aus.  Gerade zu Beginn, in den frühen Jahren der F- und E-Jugend, passierte dies häufig. Trotzdem schritt mein Vater jedes Mal ein, wenn er auf ein solch unwürdiges Verhalten aufmerksam wurde.  Er stellt die Väter und Mütter dann grundsätzlich vor die Wahl: Benimm dich, stelle dich hinten hin ans Sportheim oder bleibe einfach zu Hause. Danach kümmerte er sich wie vorher um die Kinder und sorgte für Spaß und Erfolg gleichermaßen.

Wüte nicht wild herum, sondern führe lösungsorientiert

Das Spitzenspiel i46n der B-Jugend stand auf Messersschneide. Die Spieler schenkten sich nichts und auch die Trainer rotierten hektisch am Spielfeldrand. Als kommentierende Kiebitze sahen mein Vater und ich, wie einer der defensiven Mittelfeldspieler der Heimmanschaft einen katastrophalen Fehlpass spielte. Unbedrängt und mit vielen Optionen wählte er einen schwierigen, unnötigen Pass durch die Mitte, der auch prompt abgefangen und ein Konter eingeleitet wurde (jedoch ohne Tor). „Oh Mann, Peter, du Blindfisch, was sollte das denn“, meckerte der Coach des unglücklichen Spielers. Und wirklich jeder Zuschauer stellte sich wohl die selbe Frage.

Mein Vater jedoch kritisierte nicht den Spieler sondern den Trainer. Man müsse sich auch bei einem solchen Raketenpass im Griff haben. Der Spieler wisse ja selbst, was für eine Grütze er da gerade gespielt habe. Jetzt noch draufhauen, bringe gar nichts und zeigt nur die eigene Schwäche. Wenn man schon etwas hineinschreit, dann müsse dies einen Mehrwert haben und den Spieler sofort in seiner Situation weiterbringen. Besser wäre also zum Beispiel: „Spiel das nächste Mal den einfachen Ball über die Außen“. Wer schon mal Menschen und größere Teams geführt hat, weiß, wie wichtig diese Abgeklärtheit gerade in schwierigen Projektphasen ist. Je wilder die See, desto ruhiger muss der Kapitän agieren.

Erziehe deine Kinder mit sanftem Druck

Es muss um 1980 gewesen sein. Die B76 zwischen Kiel und Raisdorf war noch so jung, dass es im grünen Golf nicht mehr nach Diesel sondern nach Teer roch. Woher img049wir kamen bzw. warum wir unterwegs waren, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber immer noch ganz genau an folgende Worte, Worte, so nebenbei gesprochen, als würden sie die Wolken am Himmel beschreiben: „Wollen wir nach Preetz fahren? Dort spielt heute Bernd Weber mit seiner F-Jugend.“

Ich war fünf Jahre alt, liebte Fußball, hatte aber noch kein offizielles Spiel bestritten. Die Hürde des ersten Spiels, so manche Eltern erinnern sich, ist keine geringe. Vor allem nicht, wenn man selbst nicht das mutigste Kind unter der Sonne Schleswig-Holstein ist. Mein Blick musste wohl Lust und Zweifel zu gleich ausgedrückt haben, denn der Nachsatz „Wir fahren ja sowieso schon in die Richtung und können ja mal gucken“ entwaffnete alle Ängste. Zum Glück. Wir fuhren hin, ich kam als mit Abstand Jüngster zu fünf Ballkontakten auf einem Elf-gegen-Elf-Großfeldspiel und wir zu Null auf den Sack. Der Rest ist Geschichte.

Versuche, dein Gegenüber zu verstehen

Als klassischer SPD-Wähler kam es oft zu Diskussionen im Bekannten- und Verwandtenkreis (und später auch mit mir). Was mir dabei immer auffiel, dass – trotzdem einer seiner besten Freunde gefühlt immer konträre, wesentlich konservative Ansichten vertrat – er offen und nicht ausfallend diskutieren und dessen Position mir gegenüber auch immer anschaulich erklären konnte. Er analysierte dabei oft den Background und Beweggründe und versuchte so, auch seine Meinung noch besser zu erläutern. Man muss gar nicht so polarisierende Brennpunkte wie die Flüchtlingsfrage heranziehen, um dieses hohe Gut einer „verkopften Empathie“ in einer demokratischen Gesellschaft bzw. für den demokratischen Dialog zu erkennen.

Behandele alle Menschen gleich116

Als nicht-studierter, fußballverrückter Ingenieur kann man ihn nun wahrlich nicht als Akademiker oder Bildungsbürger bezeichnen. Trotzdem sahen die jeweiligen Bauarbeiter (und manchmal standen da neben 100 Jahren Kneipe auch 100 Knast neben dem Bagger) standardmäßig zum jeweiligen Ingenieur auf oder laberten halt zum Beispiel über die wirren Ideen der Oberen. Als ich ein paar Sommer lang ein wenig mit schleppen, fegen, Steine setzen durfte, war letzteres an der Tagesordnung. Mit Ausnahme (oft, nicht immer) von meinem Vater. Er schien einfach, mehr Respekt zu genießen. Warum? Er behandelte sie ehrlich und auf Augenhöhe und konnte ihre Sprache sprechen (etwas, was im Alter übrigens des Öfteren eher zu Unmut führt, aber, hey, man ist auch keine 40 mehr). Diese Bodenständigkeit hat mir in so vielen Lebenslagen geholfen, dass eine Aufzählung sicher länger dauert als 90 Minuten.

Und zum Schluss muss es natürlich heißen: Ohne Lydia Johannesberg, seine Frau und meine Mutter, wäre all das sowieso nicht möglich gewesen. Doch sie ist noch keine 70. und muss sich mit ihrem Auftritt im Internet noch etwas gedulden.